| Leitartikel zum „Roma-Problem“ |
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Italien habe "kein Rumänenproblem", sagte sein Innenminister Giuliano Amato, als sich zu Monatsbeginn ganz Italien gegen "die Rumänen" erregte. Das klingt sympathisch, denn für die Untat eines einzelnen sollte man nicht eine ganze Nation verantwortlich machen. In Rumänien wurde Amatos Statement aber ganz anders gedeutet. Der Rumäne aus der Barackensiedlung am Rande Roms, der Ende Oktober eine italienische Hausfrau brutal ermordet hat, war gar keiner, hieß es hier. Der Mörder war vielmehr ein „Zigeuner“. Italien hätte also wenn schon kein Rumänen-, dann doch ein Roma-Problem. Nun ein Lamento gegen „die Roma“ nach einer einzelnen Bluttat ist zwar nicht weniger dumm als der Affekt gegen die Nation der Rumänen. Aber man muss fürchten, dass das Ressentiment gegen die Roma in ganz Europa ungehindert ausbreitet – weil es von gut gemeinter Politik noch befeuert wird. Die Roma sind seit dem Beitritt Rumäniens und Bulgariens in der Union zahlreicher als die Dänen. Viele leben in bitterer Armut. Sie bekommen keine Arbeit, viele schicken ihre Kinder nicht zur Schule. Etliche wohnen als Ausgestoßene in städtischen oder dörflichen Ghettos und zeigen entsprechend wenig Respekt vor den Gesetzen der Länder, in denen sie leben. Nicht wenige finden als Rumänen, Bulgaren, Ungarn oder Slowaken Eingang in die Kriminalstatistiken der alten EU-Länder. Dabei sind sie kein spezifisch osteuropäisches Phänomen. Alle hergebrachten Nationalstaaten mit ihrer klassischen Sozialpolitik sind mit ihren Zigeunern schlecht fertig geworden. Ihre Rezepte taugten für Menschen, die gerne einen gesicherten Arbeitsplatz, ein Einfamilienhaus und ein wenig gesellschaftliche Anerkennung wollten. Die Roma wollten das alles meistens nicht. Wären Roma einfach Arme, wären sie relativ leicht glücklich zu machen. Die reiche Stadt Graz, will zum Beispiel gerne den anreisenden Bettlern in der „heimischen“ Slowakei großzügig unter die Arme zu greifen, wenn sie nur aufhören würden, in der Fußgängerzone die Hand aufzuhalten. Funktionieren wird das nicht. Vor Jahren hat die Landesregierung von Nordrhein-Westfalen den Roma, die unter einer Düsseldorfer Rheinbrücke campten, eine perfekte Reihenhaussiedlung in ihrer „Heimat“ Mazedonien gebaut, schön sensibel mitten im Zigeunerviertel von Skopje. Binnen Jahresfrist hatten die so Beschenkten ihre schicken Häuser verkauft und waren alle wieder da. Zum Schaden hatte die Regierung den Hohn. Zigeuner bringen eben immer alles durcheinander – und das schon seit Jahrhunderten. Sozialistische Volksbeglückung ist inzwischen allseits aus der Mode. Dass auch die „Rückführung“ in vermeintliche Heimaten nicht mehr funktioniert, beginnt sich selbst unter Konservativen herumzusprechen. Der liberale, multikulturelle Zeitgeist tut sich mit dem „lustigen Zigeunerleben“ wenigstens theoretisch leichter als Konservative und Sozialdemokraten. Nicht „arm“ sind die Roma nach der neueren Auffassung, sondern „anders“ - eine „andere Kultur“, eine „Ethnie“ mit eigenen Traditionen. Nicht Objekt von sozialen Trockenlegungsmaßnahmen sollen sie werden, sondern sich selbst in ihrer „Eigenheit“ und ihrer „Lebensweise“ annehmen und respektieren. Aber die neuen Maximen der Roma-Politik, wie auch die EU-Kommission sie pflegt, verfehlen ihr Ziel. Die „nationale Minderheit“ ist auf den Straßendreck, den Hunger, die Krätze ihrer Kinder nämlich kein bisschen stolz und denkt gar nicht daran, sich ihr über Jahrhunderte ererbtes Elend jetzt als „Kultur“ und „Identität“ verkaufen zu lassen. Auch die Angebote zu „Autonomie“ und „Selbstverwaltung“ werden nicht angenommen. Roma haben keine Lust, andere Roma in Parlamente zu wählen, bloß weil sie als Roma daherkommen – bei näherem Hinsehen ein grundvernünftiger Impuls. Geradezu kriminell wird es, wenn Roma-Kinder großflächig mit „muttersprachlichem Unterricht“ beschenkt werden. Nichts eignet sich besser zur Ausgrenzung. Kinder, die man früher wegen ihrer Herkunft in Sonderschulen abgeschoben hat, steckt man jetzt in ethnische Sonderklassen. Man stigmatisiert sie und unterrichtet sie obendrein in einem Idiom, das ihnen meistens weniger vertraut ist als die Landessprache. Die Roma haben keinen Grund, sich von Europa eine Identität aufpappen zu lassen. Eher weisen sie selbst dem nach Identität suchenden Kontinent seinen Weg. Alle haben sie Verwandte in Rumänien, Holland, Frankreich. Sie haben kein nationales Territorium und beanspruchen auch keines. Nicht einmal eine „Volksgruppe“ wollen sie sein. Sie wollen nicht geschlagen, zurückgewiesen, gehasst werden. Sie sollen campen können, wo andere das auch dürfen, bauen, wo jeder bauen kann. Wenn sie Arbeit suchen, wollen sie nicht wegen ihres Namens, ihrer Adresse, ihres dunklen Teints wegen abgelehnt werden. Werden sie straffällig oder lassen sie ihre Kinder auf dem Bettelstrich verwahrlosen, müssen Polizei und Jugendamt eingreifen wie bei jedem anderen auch. „Roma“ heißt einfach „Menschen“. Das trifft es am besten. |
