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Bulgarien: "Den Schwaben aufs Schafott!"
Todesdrohungen gegen Berliner Wissenschaftler / Sozialisten und
Rechtsextreme vereint / Deutscher Botschafter schaltet sich ein
Fatwa kann man nicht nennen; das ist ein Begriff aus der muslimischen
Welt. Aber die Todesdrohung gegen eine Berliner Wissenschaftlerin ist
nicht weniger ernst. Tausend Lewa, umgerechnet 500 Euro, hat in der
vorigen Woche ein fundamentalistischer Fernsehsender ausgesetzt für
jeden, der die Berliner Adresse oder ein aktuelles Foto von Frau Martina
Baleva beibringt. „Auf den Pfahl“ soll die 30-jährige Doktorandin der
Kunstgeschichte nach einem Plakat, das der Sender Skat-TV im Hintergrund
zu zeigen pflegt, wenn er seine Hasstiraden sendet – also eine besonders
grausame Hinrichtungsart erleiden. „Ich habe per E-mail mehrere Hundert
Todesdrohungen bekommen“, sagt Baleva. „Viele kamen aus Deutschland.“
Um ihren Kollegen, den aus Österreich stammenden Ulf Brunnbauer, ist die Aufregung zum Glück schon wieder etwas abgeflaut. Auch Brunnbauer hatte Morddrohungen bekommen und sich unter Polizeischutz begeben müssen, nachdem Skat-TV „den Schwaben auf das Schafott“ gewünscht hatte und drei Männer in sein Büro im Dahlemer Osteuropa-Institut eingedrungen waren.

Dabei haben die beiden Forscher nichts getan - außer einen Projektantrag
für ein vollkommen harmloses Forschungsvorhaben zu stellen. Thema ihrer
Untersuchung sollte ein Historiengemälde des Polen Antoni Piotrowski aus
dem Jahre 1892 sein. Der Maler hatte ein Massaker in dem bulgarischen Gebirgsdorf
Batak dramatisch ins Bild gesetzt: Bauern, umgeben von Frauenleichen,
schauen entsetzt auf den Feuerschein ihres brennenden Dorfes in der
Ferne. Ein Bild, das zur Zeit seiner Entstehung Aussicht hatte, zur
nationalen Ikone zu werden: Die Gräuel der muslimischen Türken an
christlichen Balkanvölkern waren in Europa damals ein beliebtes Thema.
Baleva und der Historiker Brunnbauer wollten erforschen, welche
Bedeutung das sechzehn Jahre nach der Tat entstandene Piotrowski-Bild
für die „kollektive Erinnerung“ der Bulgaren bekommen sollte. Eine
Tagung sollte sich mit „Batak und historischen Konstruktionen in
Bulgarien“ beschäftigen, eine Ausstellung in Sofia den „bulgarischen
Erinnerungsort“ Batak vorstellen – übliches Historikergeschäft.

Zum Erschrecken von Brunnbauer und Baleva kam es anders. Der
Projektantrag geriet in die Hände von Boschidar Dimitrow, dem Direktor
des Nationalmuseums in Sofia. Dimitrow, Verfasser unzähliger
populärhistorischer Bücher, versteht sich als Wächter über
Bulgariens Historienschatz und Propagandist der nationalen Sache. In
seiner wöchentlichen Fernsehsendung stellte der Nationalhistoriker, ganz
im Gestus der Empörung, den Antrag vor und suggerierte, die beiden
Berliner hätten das Massaker „geleugnet“ und das schreckliche Geschehen
als „Mythos“ bezeichnet. Dabei war alles, was die beiden anzweifelten,
der Zeugnischarakter des Bildes. Der polnische Maler hatte seinen
Ölschinken nach Fotos angefertigt, die mindestens zehn Jahre nach der
Tat aufgenommen worden waren, wie Brunnbauer nachwies.

Boschidar Dimitrows Empörung ergriff binnen Stunden ganz Bulgarien.
Ahnungslos in seinem Büro in Berlin-Dahlem sitzend, empfing Brunnbauer
schon tags nach der Sendung die ersten Anrufe bulgarischer Redaktionen:
Ob er wirklich das Massaker leugne? Was ihm denn einfiele? Anfangs
bemühte der Privatdozent sich noch geduldig zu erklären, dass ein
„Mythos“ im Verständnis der modernen Geschichtswissenschaft nicht
einfach eine „Lüge“ ist. Jede Nation gründet sich danach auf „Mythen“,
die allerdings meistens Vorbilder in der Realität haben: Auch wenn die
Schlacht im Teutoburger Wald nicht zwischen „verweichlichten Römlingen“
und national bewussten Germanen ausgetragen wurde, wie die völkische
Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts es wollte, so hat sie doch
wirklich stattgefunden. Über das Massaker von Batak ist heute bekannt,
dass es nicht von „den Türken“ an „den Bulgaren“ verübt wurde, sondern
von bulgarischen Muslimen an den orthodoxen Bewohnern eines Nachbardorfs.

Aber keine gelehrte Erklärung konnte den ideologischen Tsunami
aufhalten. „Deutscher Wissenschaftler leugnet Massaker von Batak“, las
sich die erste Schlagzeile. Binnen weniger Tage äußerten der Präsident,
der Parlamentspräsident und der Premierminister ihren Abscheu über das
Unterfangen der beiden Historiker. Eine „schlimme Provokation unserer
nationalen Geschichte und Erinnerung“ sei das gewesen, konstatierte
Staatspräsident Georgi Parwanow. Hofhistoriker Dimitrow ließ ausrichten,
„die Bulgaren“ wüssten schon, wie man eine Ausstellung verhindert, und
würden die Leute aus Berlin „am Flughafen mit ein paar Ohrfeigen
empfangen“. Der Leiter des Museums, das die Ausstellung hätte zeigen
sollen, bekam kalte Füße. Der zuständige Beamte im Kultusministerium
flog. Die Chefhistoriker der Akademie der Wissenschaften ließ
ausrichten, er warne „schon seit fünfzehn Jahren davor, dass die
Europäer unsere Geschichte umschreiben wollen“. Baleva, zu der Zeit in
Sofia, kehrte fluchtartig nach Berlin zurück. Nach einer Woche ging die
Flutwelle langsam zurück. Nach drei Wochen kam noch einmal ein
Nachbeben: Bei der alljährlichen Gedenkfeier sagte Präsident Parwanow
vor einer Versammlung national gesinnter Bulgaren, es sei durchaus
legitim, sich auch kritisch mit der Geschichte auseinandersetzen. „Aber
das ist unsere Sache.“

Am Kochen gehalten wird der „Fall“ der beiden Berliner Wissenschaftler
seither von der rechtsradikalen Parlamentspartei Ataka. Ihr gehört der
Fernsehkanal, der die tausend Lewa für die Entdeckung der Doktorandin
ausgesetzt hat. Baleva hat sich über Skat-TV beim bulgarischen Medienrat
beschwert. Bisher ohne Reaktion; keine Partei, keine Behörde, kein
Politiker ist den beiden bedrängten Wissenschaftlern bisher
beigesprungen. Nur mutige Intellektuelle und Wissenschaftler-Kollegen
meldeten sich zu Wort.

Ausgegangen ist die chauvinistische Hysterie in Bulgarien aber nicht von
der extremen Rechten, sondern von einer Partei in der Mitte der
Gesellschaft. Die bulgarischen Sozialisten, übrigens Vollmitglied der
Sozialistischen Internationale, stellen den Präsidenten und den
Regierungschef. Aus ihren Reihen stammt auch der Geschichts-Ajatollah
Boschidar Dimitrow, nach dem Urteil Minderheitenforscherin Antonina
Jeliaskowa „ein Polizist und Politiker, der sich als Forscher tarnt“.
Dimitrow ist bekannt als einer, der immer zur Stelle ist, wenn es gilt,
für aktuelle Politik historische Argumente zu finden: So „beweist“ der
61-Jährige in seinem voluminösen Werk zum Beispiel immer wieder, dass
die Mazedonier „in Wirklichkeit“ Bulgaren sind. Dass aber ein
europäisches Land die Deutungshoheit über seine Geschichte ganz
in die Hand eines solchen Mannes gelegt hat, hatten Baleva, die selbst
aus Bulgarien stammt und erst nach dem Abitur nach Deutschland kam, und
der Balkanexperte Brunnbauer sich doch nicht träumen lassen.

Die Jagd geht weiter. Der deutsche Botschafter in Sofia hat nun dem bulgarischen Außenminister gegenüber seine „Besorgnis“ ausgerichtet. Von einer Fatwa, wie im Falle Salman Rushdie, wird man allerdings nicht sprechen dürfen. Auch mit den Drohungen gegen den „Verräter“ Orhan Pamuk in der Türkei kann man die Kampagne gegen die Berliner
Forscher nicht vergleichen. Bulgarien ist schließlich weder ein Schurkenstaat, wie der Iran, noch ein ungeliebter Beitrittskandidat, wie die Türkei. Sondern seit dem 1. Januar Mitglied der Europäischen Union.