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Hymne, Flagge, Grenzposten oder: Die Kosovo-Lösung aus dem Geiste Bismarcks
Das Kosovo wird sich für unabhängig erklären, und der Westen wird es anerkennen. Wie es sich für die europäische Politik gehört, steckt dahinter keine Entscheidung, sondern ein Sachzwang. Man kommt schon darauf, wenn man einfach die Bataillone beider Seiten zählt. Erkennt man den neuen Staat an, wird Belgrad sauer reagieren und sein Störpotenzial entfalten. Erkennt man ihn aber nicht an, rebellieren im Kosovo die Albaner. Das wäre schlimmer. Opfer neuer Unruhen würden nicht nur die übrig gebliebenen Serben im Lande, sondern auch die internationalen Verwalter. Gegen albanischen Widerstand lässt sich das Kosovo nicht regieren. Also führt an der Anerkennung kein Weg vorbei. Die Folgen: ein völkerrechtlicher Schwebezustand, Ärger mit Belgrad und Moskau, Massenflucht der Kosovo-Serben – muss man eben in Kauf nehmen.

So unausweichlich das ist, so erbärmlich ist es auch. Europa hatte mehr als acht Jahre Zeit, eine Lösung zu finden. Aber eingefallen ist allen immer nur der alte Nationalstaat. Mal fein, rein und klein, als staatliches Nest für die befreiten Albaner. Mal als wackliges serbisches Reich mit komplizierten Autonomie-Konstruktionen. Nationalstaaten gründet man heute natürlich in modernisierter Form - mit Zollunion, Freizügigkeit, gern auch mit doppelter Staatsbürgerschaft. Aber immer mit Hymne, Flagge und Grenzposten. Unter aller Gemeinschaftssülze blieb immer ein harter nationaler Kern. Man wusste eben: Wenn es ernst wird, werden sich alle doch wieder unter ihren jeweiligen Fähnlein versammeln.

Es ist exakt dieser Rest, über den auch die angeblich zusammenwachsende Europäische Union sich nicht herübertraut. Auch in unserer viel gepriesenen Gemeinschaft achten alle sorgfältig darauf, dass die nationalen Sollbruchstellen nicht verstrichen werden. Ganz kurz einmal ist bei der Suche nach der Kosovo-Lösung ein Schlaglicht auf diesen Grundsatz gefallen: als von unberufener Seite der Vorschlag kam, das Kosovo als eine Art „reichsunmittelbares“ Territorium direkt der Europäischen Union zu unterstellen. Der Funke verlosch sofort. Immer, wenn Phantasie aufzukommen drohte, dröhnte bräsig, machttrunken und selbstzufrieden der ganze Westen Europas: Die Serben müssen lernen…! Die Albaner müssen endlich begreifen…!

Nichts müssen sie. Weil es sich über den nationalstaatlichen Rest nicht herübertraut, ist das alte Europa für den Balkan auf lange Sicht auch keine Hoffnung. Schlimmer noch: Weil die EU am Nationalstaat festhält, ist sie für diesen Teil des Kontinents sogar eine Bedrohung. Nur wegen Europa muss zum Beispiel Bosnien erst ein Nationalstaat werden. Dabei würden die Bosnier aller Nationalitäten die politischen Voraussetzungen für den EU-Beitritt leicht meistern  - außer eben dieser einen. Für das Kosovo gilt das nicht minder. Seit hundert Jahren ist bekannt, dass das nationale Ordnungsprinzip in Südosteuropa im günstigeren Fall zu einer originellen Diktatur unter einem Kaiser oder einem Tito, im ungünstigeren zum Krieg führt. Trotzdem zieht Europa von Bismarck und Disraeli bis hin zu Merkel, Brown und Sarkozy hier immer wieder nur Grenzen. Wenn es eine Hoffnung gibt für den zerstrittenen Balkan, dann ist es die Idee des ethnisch neutralen Bürgerstaats, dem es egal ist, welche Sprache einer spricht und welche Feste er feiert. Amerika also, nicht Europa.

Die Lösung der Kosovo-Frage bringt das Elend nicht nur an den Tag. Sie zieht vielmehr neues Elend nach sich. Wenig spricht dafür, dass die frisch designten Staaten sich nun beeilen werden, in Europa aufzugehen. Gerade hat man wieder gesehen: Alles, was Europa zu bieten hat, ist Geld. Um da heranzukommen, ist ein Plätzchen im Wartesaal der Union die bessere Startbasis als die Vollmitgliedschaft. Man wird als potenzielle Bedrohung wahrgenommen und entsprechend umworben. Man wird andererseits nicht wirklich kontrolliert. Sogar in Kroatien lässt sich gerade studieren, wie mit der wirtschaftlichen Erholung die Europa-Begeisterung verschwindet. Serben, Albaner und Bosnier wird die Unabhängigkeit des Kosovo in sehr unterschiedliche Stimmungen versetzen. Aber wenn die Wut auf der einen und der Jubel auf der anderen Seite nachgelassen haben, werden alle zusammen einfach keinen Grund haben, nun zu glühenden Europäern zu werden.